Lebensbereich „Wissen“

Mit dem Internet hat ein neues Kapitel der globalen Wissensgeschichte begonnen. Noch nie war so viel Wissen für so Viele zugänglich, noch nie haben sich die Archive in dieser rasenden Geschwindigkeit vergrößert.

Phänomene wie Wikipedia haben nicht nur den Zugang zu den Informationen demokratischer gemacht, sie haben auch den Diskurs darüber, was wie erinnert werden soll geöffnet und auf die Schultern Vieler gelegt.

Mit dem NSA-Skandal der letzten Monate ist jedoch auch eine andere Seite des digitalen Archives zutage getreten: In systematischer und nahezu allumfassender Form sammeln Firmen und Regierungen Wissen über uns Netizens.

Es  geht nicht zu weit zu sagen, dass das der Umgang mit Wissen zu einer entscheidenden Merkmal des digitalen Zeitalters geworden ist. Wir sammeln und verbreiten es über soziale Netzwerke wie Facebook, navigieren es über Tools wie Google und haben uns daran gewöhnt, dass wir mit mobilen Geräten immer und überall die entscheidenden Informationen ,zur Hand haben‘. Die Zugänge zum Wissen verbreitern sich, sie werden immer weniger exklusiv.

Doch ändert sich nicht auch der Umgang mit dem Wissen? Wer bearbeitet schon noch ein Buch von Beginn bis Ende geduldig, immer bestrebt, die Gedanken zu durchdringen?

Wissen muss schnell verfügbar sein – nimmt unsere Fähigkeit zum Nachdenken ab? Was genau wissen wir, wenn wir wissen wer, wann, wie und wo? Werden wir zur Oberflächensurfer der Wissensbestände?

 

7 Gedanken zu „Lebensbereich „Wissen“

  1. Susanne Wilckens

    Als Digital Immigrant fühle ich mich zwar aus manchen Diskursen ausgegrenzt – dabei weiß ich aber gar nicht, ob mir etwas entgeht, denn in diesen Netzwerken bleibt vieles doch an der Oberfläche. Das beginnt da, wo aus Leit-Medien Light-Medien werden, weil sie nicht mehr sorgfältig recherchieren, und endet im NIrgendwo, wo niemand mehr die Bezugsquelle von Informationen kennt, noch lange nicht. Das viele, quellenlose Wissen nutzt dabei noch nicht einmal etwas, denn erst das unter der Oberfläche verborgene, zu ergründende Tiefer-Liegende verleiht dem Wissen seinen eigentlichen Sinn (frei nach dem Bildungsforscher Ilien). Ich wünschte mir wieder mehr Zeit für eine Suche in Muße, eine Suche nach unseren Quellen und Wurzeln, die an andere Orte und zu Begegnungen mit dem Anderen führt. Dann hätte das Nachdenken einen menschlichen Adressaten und erhielte vielleicht auch ein humaneres Antlitz.

    1. Frank Vogelsang

      Hallo Frau Wilckens, in einer Hinsicht kann ich Ihren Überlegungen sehr zustimmen! Ich glaube auch, dass die neuen Medien zu einem sehr oberflächlichen Umgang mit Wissen führen können (wo steht das nochmal bei wikipedia?) Aber das ist ja nicht zwangsläufig so. Ich habe gerade gestern mit dem Leiter eine renommierten wissenschaftlichen Stiftung gesprochen, der sagte, dass diese Stiftung ihre Publikationen künftig vollständig online stellen wollen und keine Bücher mehr produzieren. Der Vorteil ist, dass es eine Suchmaschine gibt, die in allen Texten dann Quersuchen erlaubt. Wenn das so kommt, kann man sich viele Bibliotheksgänge sparen! Die Frage ist also, wie wir mit den Medien und den Möglichkeiten der Wissensvermittlung umgehen. Vielleicht brauchen wir immer wieder eine selbstverordnete Auszeit, dass wir erst einmal mit dem vorhandenen Wissen arbeiten, bevor wir dann wieder nach weiteren Quellen suchen. Die größte Herausforderung besteht aber ganz sicher für Lehrerinnen und Lehrer, weil es unglaublich schwierig sein wird, Kindern nahe zu legen, erst einmal selbst nachzudenken und sich das Wissen mühsamer anzueignen anstatt mal eben schnell zu googlen…! Was wir wohl brauchen, ist ein Kulturschub, in dem neue Techniken im Umgang mit dem allgegenwärtigen Wissen gelernt werden.

      1. susanne wilckens

        An meinen eigenen Kindern beobachte ich, dass die nachwachsende Generation sehr wohl und sehr viel besser als ich natürlich mit den neuen Techniken umgehen kann – die ältesten im Studium befindlichen Kinder sind sogar in besonderer Weise abhängig von der digitalen Vernetzung. Was ihnen aber fehlt ist die Muße für eine Vertiefung und die Zeit für ein verstehendes Miteinander. Man spricht nicht zu Unrecht von der Bulimie-Kultur („Wissen fressen und wieder auskotzen“). Der Soziologe Hartmut Rosa und der Philosoph Paul Virilio beschreiben sehr schön die damit einhergehenden Beschleunigungsphänomene, die durch Konkurrenz und Wettbewerb begünstigt werden – letztere beiden durch die neuen Techniken in besonderer Weise noch einmal mehr gepusht (man denke nur an die vielen Rankings im Netz)! Zeit wird damit immer mehr zu einem kostbaren, knappen Gut – da sollten wir uns gut überlegen, wie wir sie verbringen!

  2. Gabriele Busmann

    Ich schätze das Internet, weil es mir die Möglichkeit zu schneller Kommunikation und einen leichten Zugang zu Fakten und Hintergrundwissen eröffnet. Wie alles im Leben hat natürlich auch dieses neue Medium Vor- und Nachteile. Es bietet wunderbare Möglichkeiten, mit Menschen schnell und über große Distanzen hinweg in Kontakt zu sein und zu bleiben. Andererseits erfordert es einen gekonnten Umgang mit der potenziellen Überforderung durch die unglaubliche Menge an leicht zugänglichem Wissen. Dabei kann es mich, wenn ich nicht aufpasse, in einen virtuellen Raum ziehen, der mich vergessen lässt, dass ich auch noch andere, leibliche Bedürfnisse habe. Die Gefahr des sich Verlierens in einer virtuellen Welt besteht, aber dafür ist nicht das Internet verantwortlich, sondern der Nutzer. Ich sehe es eher als eine moderne Form der immer schon bestehenden Herausforderung, bewusst zu leben, präsent und aufmerksam zu sein.

  3. Rena Reiners

    Ehrlich gesagt geht es nicht ohne – im Studium wird ganz klar darauf gebaut, dass wir Digis sind – mit Tablet und smart phone immer online. Wir kriegen Seminarpapiere, Literatur, feed backs der Profs, unsere credit points und wichtige Termine online, wir solidarisieren uns online in unseren Gruppen, chatten und twittern ist Tagesgeschäft – wehe wenn wir offline wären!

  4. Liebes-Lottchen

    Ich war auf einer Waldorfschule und behaupte: Erst wenn ich umsetzen kann, was ich weiß, bin ich wirklich im Besitz dieses Wissens. Und das haben wir in unserer Schulform gelebt: mit den Händen zu tun, was Herz und Kopf gelernt haben. Dabei kann einem kein Internet helfen und der „Haufen“ Wissen nutzt einem nix.

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