Archiv für den Monat: April 2014

Lebensbereich „Öffentlichkeit“

Das Internet hat die menschliche Kommunikation grundlegend verändert. Während Massenmedien wie Buch oder Fernsehen einseitige Massen-Kommunikation erlauben, die allerdings nur privilegierten Einzelnen zur Verfügung steht, ist das Internet das erste Medium, das es prinzipiell jedem Menschen erlaubt, mit einer unbegrenzten Öffentlichkeit zu interagieren.

Mit dem Internet haben sich demnach auch völlig neue Öffentlichkeiten herausgebildet. Als im Jahr 1996 die Studentin Jennifer Ringley eine Webcam installierte , die das Leben ihres Schlafzimmers alle 3 Minuten mit einem Bild dokumentierte, war das eine Sensation, die auch in der primären Medienöffentlichkeit starken Nachhall fand.

Die Vorstellung, dass unsere privaten Bilder heute prinzipiell von einer Weltöffentlichkeit eingesehen werden können, kann uns heute nicht mehr überraschen. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Google+, kommunikative Plattformen wie Twitter oder Alltagsbilderbücher wie Flickr zeigen, dass wir uns auf der weltweiten Bühne längst wie zuhause fühlen.

Dabei kann man schnell übersehen, dass das Internet nicht nur ein flüchtiges Kommunikationsmedium ist, sondern eben auch ein Archiv, das nichts vergisst. Während man vor ein paar Jahren noch davon ausgehen konnte, dass die Datenmassen wohl kaum je gesichtet werden würden, hat spätestens der NSA-Skandal gezeigt, dass sowohl die Technologie (Big Data) als auch der (politische) Wille vorhanden ist, unsere Spuren im Netz auszulesen und zu verwerten.

Eine Frage, die die Medienkultur der nächsten Jahre bestimmen wird, lautet also: Wie behalten wir die Kontrolle über unser Bild in der Öffentlichkeit?

Lebensbereich „Arbeit“

Die Arbeitswelt ändert sich dramatisch durch die neuen Medien. Für viele Arbeitsplätze gibt es keine klare Trennung mehr zwischen dem Privaten und dem Beruflichen. Wir neigen immer mehr dazu, die Arbeit in unseren Alltag einzubinden.

Manche Firmen lassen sich ganz auf die sozialen Medien ein. Es gibt Unternehmen, die weniger Präsenzarbeitsplätze anbieten als sie Mitarbeiter haben: es gilt als modern, wenn man von zuhause aus arbeitet. Das sehen sogar auch Personalverantwortliche großer Firmen kritisch und lassen den E-mail-Server am späten Abend abschalten.

Einerseits dringt also die Arbeit immer tiefer in unser persönliches Umfeld vor. Andererseits zeigen die Medien große Rationalisierungspotentiale und gestalten in hoher Geschwindigkeit ganze Branchen um. Der kleine Buchhändler im Stadtteil kann nicht überleben, wenn amazon ein deutschlandweites Angebot aufbaut. Facharbeiter arbeiten nicht mehr mit dem Werkstück, sondern nur noch mit Touchscreens, mit denen die Maschinen bedient werden.

Die Benutzeroberflächen werden genauso auswechselbar wie die Nutzer selbst. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat hier eine neue Quelle der Entfremdung ausgemacht. Egal ob ich Schuhe produziere oder Brötchen, die Touchscreen für das Bedienelement ist dieselbe. Das handwerkliche Knowhow steckt in Maschinen, die über das World Wide Web fern gesteuert werden können.

Lebensbereich „Körper“

Unser Körper scheint sich auf dem ersten Blick den neuen Medien hartnäckig zu widersetzen. Wieviel auch immer wir „googlen“, mit wem auch immer auf der Welt wir „chatten“, stets erinnert uns der Körper daran, dass wir einen festen Ort in dieser Welt haben.

In unseren Gedanken und Phantasien mögen wir uns ortlos machen können, in virtuellen Welten mögen wir als Avatar erscheinen, mit Hunger und Durst aber meldet sich immer unverwechselbar unser Körper an. Der Körper bleibt in den sozialen Medien außen vor.

Einerseits ist das richtig, andererseits stimmt das auch nicht.
Vier Beispiele:

Beispiel 1: Wenn wir ein Smartphone mit uns herumtragen werden die Orte, an denen wir uns befinden, über die Lokalisierungsdaten Teil des weltweiten Datenwissens.

Beispiel 2: Die Möglichkeit, Fotos zu machen und diese sogleich in das Netz einzuspeisen, ist heute fast überall gegeben. Unser Körper ist auch immer irgendwie dabei. Eine eigenständige Gesichtserkennung macht uns auch dann identifizierbar, wenn uns keiner von Angesicht kennt.

Beispiel 3: Schließlich verfeinern sich die Methoden der Datenerhebung. Ein aktuelles Label zur Gesundheitsvorsorge im Datennetz lautet: Quantified Self. Hier erheben Sensoren ununterbrochen, wie viele Schritte ich mache, wie oft mein Herz in der Minute schlägt, was mein aktuelles Belastungsprofil ist. So findet auch mein Körper Einlass in die Datenwelt.

Beispiel 4: Schließlich gibt es sogar die Möglichkeit, die Funktionen des Körpers durch Datenzugang anzureichern. Etwa beim Sehen: Die Datenbrille „Google glass“ „sieht“ nicht nur, was man sieht, sie „sieht“ auch, welche Geschäfte sich einen Straßenzug weiter befinden oder ob die Freundin gerade im Geschäft nebenan ist…