Stimmungsbild: Identität und Religion

Wie verändern die digitalen Medien meinen Alltag?
10_Identität und Religion_ 700

 

Im Mai 2014 haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Tagung “Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Identitätssuche im digitalen Zeitalter” zum Schluss der Tagung ihre  Standpunkte zu zehn Bereichen unseres Alltags zwischen online und offline jeweils in einem Koordinatennetz verortet.

Die Ausgangsfrage lautete jedes Mal:
Wie verändern die digitalen Medien meinen Alltag in diesem Bereich?
Die Fläche des für alle Bereiche gleichen Koordinatennetzes spannte sich auf zwischen den Polen „beeinflusst mich negativ“ – „beeinflusst mich positiv“ und den Polen „beängstigt mich“ – „motiviert mich“.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten auf transparenter Folie jeweils einen roten Klebepunkt in das vorgegebene Koordinatensystem. In einem weiteren Schritt wurden die Folien mit den Einzelvoten übereinander gelegt.  Dabei entstanden erkennbare Cluster – sozusagen ein “Stimmungsbild” unter den Teilnehmenden.

Der Scan in diesem Blogbeitrag dokumentiert das Stimmungsbild zum Bereich “Identität und Religion”.

Lebensbereich „Religion“

Alles kann Teil des Netzes werden, also auch unsere religiösen Erfahrungen. Wie aber teilt man religiösen Erfahrungen mit anderen in einem Post? Gibt es ein virtuelles Gemeindeleben? Was geht im Netz, was geht nicht: Gottesdienste feiern, Beten, Beichten?!

Online-Angebote für Seelsorge sind heute schon fast ein „alter Hut“. Warum sollte es nicht einen digitalen Friedhof geben? Findet der Heilige Geist den Weg in die sozialen Medien?

Der christliche Glaube lebt davon, dass erzählt wird, von den biblischen Geschichten bis zu den eigenen Erfahrungen. Wo könnte das besser geschehen als in den sozialen Medien, in denen sich Nachrichten in Windeseile verbreiten können?

Und täglich kamen tausende Freunde hinzu – virtuell ist das leichter möglich. Doch wenn jemand hinzukommt – wie lange bleibt er oder sie? Wer schnell kommt, kann auch schnell wieder verschwinden.

Was ist mit den Stillen im Lande, mit denen, die einer kontemplativen Frömmigkeit folgen – findet diese im Netz nicht mehr statt?

Manche religiösen Rituale brauchen Präsenz. So verweigert sich die Feier des christlichen Abendmahls modernen Kommunikationsmedien und virtuellen Gemeinschaften. Neuere Umfragen zeigen zudem: die Menschen kommunizieren bislang im Netz über vieles, doch religiöse Fragen sind noch eher selten.

Lebensbereich „Biographie“

In früheren Zeiten wusste man im Dorf viel über die Nachbarn. Man konnte einiges erzählen über deren Schicksale. Wer hat wen geheiratet, wer hat wo gebaut, wer hatte welche Kinder?

Wer kann heute noch so etwas über mich erzählen? Wir haben in verschiedenen Städten gelebt, haben unterschiedliche Freundeskreise, die vor allem in den sozialen Medien präsent sind. Aber wer kann unser Lebensweg noch nacherzählen?

Facebook hat vor einiger Zeit die timeline eingeführt – wer lange in den sozialen Medien ist, will auch eine Geschichte haben. Verschwindet ein großer Teil meiner sozialen Existenz spurlos, wenn der Facebook-Account gelöscht wird? Und wer behält den Überblick über mein Leben? Wer interessiert sich überhaupt für die Posts der letzten Jahre? Wieviel kann ich selbst noch über meine Freunde erzählen?

Unser Leben gleicht eher einem Mosaik als einem streng aufgebauten linearen Prozess. Doch unser Bedürfnis, von uns zu erzählen, bleibt. Wem erzählen wir? Den Freunden, die nebenbei immer mal wieder die neuesten facebook Eintragungen checken?